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  • Ok, kurz kann ich noch mit hoch kommen. Hallo sagen zu ihrer Mutter. Sie ist genauso zierlich wie Irene. Die gleichen dünnen Arme, die gleiche Statur. Nur dem Gesicht sieht man die Zigeunerabstammung an.

    Ich muss gehen, Irene schubst mich hinaus. Ok, ja, ruf einfach an, wenn Du fertig gepackt hast, deine Sachen zusammengerichtet hast.

    Jetzt sitze ich hier, an dem zentralen, alten Steinplatz in El Escoreal. Trinke Cola, rauche. Warum sitze ich hier. Weil ich sie liebe. Ja, das tue ich. Ich nehme Block und Stift und fange an zu schreiben. Ich liebe Dich. Ich liebe Dich so sehr, ich habe es seit dem ich Dich kennen gelernt hab, in dieser wilden, letzten nach in Buenos Aires. Und ich werde Dich immer lieben. Egal, was Du machst, was Du willst. Und wenn Du mich nicht willst. Auch ok. Meine Gefühle sind da, und werden immer da sein.

    Ich will Dir das sagen, unbedingt. Will es endlich einmal klar artikulieren. Endlich einmal überhaupt artikulieren. In Worte fassen. Dich erreichen, obwohl Du es Doch auch so merken musst, welche Wallungen, Kapriolen und Herzenssprünge Du in mir auslöst. Wenn ich Dich küsse, Du Deine Arme auf meine Brust legst, dann musst Du doch spüren, was in mir vorgeht. Und warum ich so überzeugt davon bin, dass wir füreinander geschaffen sind.

    Aber Dir geht es nicht so, oder? Auch ok. Ich versuche etwas zu essen, ich muss jetzt etwas essen gehen.
    „Können sie auch zwei halbe Portionen machen? Ja? Danke. Dann bitte Calamares und Croquetas.“ Ich fange an essen, die Kroquetten liegen wie Knetmasse in meinem Mund, und die Calamari fühlen sich an wie Gummi, obwohl sie eigentlich genau die richtige Konsistenz haben. Ich habe keine Hunger, obwohl ich heute noch nichts als ein halbes halbes Fertig-Sandwich mit Frischkäse gegessen habe. Aber ich weiß, ich muss was essen, sonst wird mir irgendwann schwindelig.

    Ich esse fast komplett auf, zwinge mich, jeder Bissen ist eine Anstrengung, jeder Schluck ein Kampf. Ich mache das nur der Vernunft halber. Wenigstens ein bisschen Ratio noch behalten. Wenn ich lange nichts gegessen habe, leidet irgendwann auch meine Laune. Und schlechte Laune will ich wirklich nicht haben, wenn ich schon mal mit Dir Zeit verbringen kann.

    Unten am Platz vor dem Kloster, da sind die, die Touristen, Familien, kleine Kinder und Omas und Opas. Kinderwägen, junge Pärchen, alte Pärchen. Machen Photos und was man eben so macht, auf so einem riesigen Platz vor einem Kloster. Ich setze mich auf die dicke Steinmauer, rauche noch eine, les‘ mir noch mal meine Aufzeichnungen durch, was ich Dir unbedingt sagen will. Tausend Sachen. Und doch nur eine. Ja. Bedingungslos.

    Langsam vergeht die Zeit echt langsam. Wie lange packst Du jetzt schon? Drei Stunden. Keine Ahnung. Ich entschließe mich, langsam zurückzugehen. Einmal noch um den Platz. Du hast ja gesagt, Du rufst an, wenn Du fertig bist. Und ich will Dich auf keinen Fall in irgendeiner Weise bedrängen. Vielleicht geh ich noch ins Internetcafe, nur um die Zeit totzuschlagen. Ja, das ist gut.

    Sie ruft an, es wird schon langsam dunkel: „Langweilst Du Dich schon?“

    Ich komme wieder in das 1-Zimer-Apparmtent der Mutter. Gabriela. Sie bietet mir einen Platz an. Man merkt, dass Sie ein wenig unsicher ist, nicht so oft Besuch von unbekannten Leuten bekommt. Ich fange an, mich mit ihr zu unterhalten. Sie spielt Flöte, alle möglichen Flötenarten, altes Liedgut. Ich frage sie, ob sie mir etwas vorspielen möchte. Ja, gerne. Sie erzählt mir vom Komponisten und spielt etwas. Ich sage, es ist schön, auf Spanisch fällt es mir immer leichter zu sagen, etwas gefalle mir, aus Höflichkeit, auch wenn ich dazu eigentlich keine Meinung habe. Sie erzählt von den Youtube-Videos, die es gibt, und dass noch eins fehlt, dass Irene immer noch nicht hochgeladen hat. Irene ist im Bad und schminkt sich, blafft nur irgendetwas zurück, sie wird es schon irgendwann machen. Und die Mutter, Gabriela erklärt mir, dass die Tochter manchmal so schwierig sei. Fast streiten sie, ich bringe irgendetwas Beschwichtigendes ein. Es wird kein Streit. Aber man merkt, dass die beiden kein leichtes Verhältnis haben. Sie ihre Tochter mit 14 in Argentinien bei ihrem Vater zurückgelassen hat und die beiden sich erst zum zweiten Mal wieder sehen.

    Irgendwann brechen wir auf, Irene und ich. Gehen noch in die Stadt, um etwas zu essen. Wir landen im gleichen Laden, in dem ich am Nachmittag auch schon war, und Irene hätte gerne die Croquetas. Ich weiß, es wird mir wieder schwer fallen zu essen. Mein Magen ist schon voll. Voll von Gefühlen, dem bisschen Essen am Nachmittag, aber vor allem, voll der Emotion, keine Ahnung was da abgeht. Auf dem Weg zum Restaurant, ist sie eingehakt bei mir. Ich glaube irgendwie fand sie es schon gut, dass ich gut mit ihrer Mama ausgekommen bin.

    Nach dem Essen sitzen wir noch da, trinken noch ein Glas Wein, und rauchen. Ich küsse sie.
    Und sage es ihr. Ganz ohne Spickzettel. Irene, ich liebe dich. Eigentlich würde ich es gerne voller Inbrunst sagen, doch ich habe Angst, sie nimmt es nicht gut auf und sage es eher normal, ruhig. So wie ich immer bin. So, ruhig. Ich liebe dich. Ich habe das Gefühl, ich bin für dich bestimmt. Sie lächelt. Ich liebe dich auch. Te quiero tambien.

    Was bedeutet eigentlich dieses „Te quiero“?

    Irgendwann brechen wir auf. Erwischen gerade so einen Bus, der uns wieder nach Madrid bringt. Sie legt ihre Füße hoch, bei mir eingehakt. Ich glaube, wir waren noch nie so zufrieden, nebeneinander. Wir unterhalten uns, über das Leben, was es ausmacht. Über Menschen, wie sie drauf sind. Welche uns gut tun, und welche nicht. Es ist da, und so deutlich. Die exakt selbe Wellenlänge. Tiefstes Verständnis füreinander. Oder bin nur ich ausgefüllt und sie hat noch Kapazitäten, die ich nicht füllen kann? Ich liebe Dich so sehr.
    Wir gehen nach Hause, bringen die Sachen heim. Ich leg Musik auf und wir teilen uns noch ein Bier. Wir küssen uns und fangen an, uns auszuziehen. Ich halte es fast nicht aus, verstehen tu ich es zumindest nicht, aber ich bin so glücklich und liebe Dich. Wir schlafen miteinander. Sie ist so sinnlich und ich so erfüllt.

    Überfüllt, irgendwann kann ich nicht mehr und sie sagt so: „Krass, Du bist echt schüchtern! Aber vielleicht gefällt mir das.“ Und ich fühle mich so verstanden wir noch nie. Noch nie in meinem Leben. Ja ich bin schüchtern, verletzlich und sensibel. Und ich konnte es Dir voll und ganz zeigen.

    Wir gehen noch weg, tanzen. Es ist ein schöner Abend. Später neben Dir zu schlafen, dich zu riechen.

    Der nächste Tag ist der letzte. Sie will sich noch von der Stadt verabschieden, bevor es zurück nach Buenos Aires geht. Und von der Mutter.

    Wir gehen noch was Mittagessen, weil sie mich nicht alleine in der Wohnung lassen will. Auf dem „Dos de“ sage ich es nochmal. Te amo. Ich weiß, sie mag kein Drama. Ein letztes Mal deine Arme auf meiner Brust, ein letzter Kuss. Te quiero tambien.

    "¡Hasta la proxima!"

    Sagt sie noch. Dreht sich um und geht.

    Ich drehe mich um und kann es nicht glauben. Sie geht einfach so weg. Schaut nicht ein einziges Mal um. Die Tränen schießen mir in die Augen.

    Bleib bei mir.
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